Das Mehl und die Folsäure: Geschichte einer losen Beziehung

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Es gibt ein einfaches Rezept, um Geburtsfehler infolge eines mütterlichen Folsäure-Mangels zu reduzieren: Die Anreicherung des Mehls mit Folsäure. Über 80 Länder machen das bereits. Die Schweiz nicht. Warum eigentlich?

Der Schweizer Ernährungsbericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) von 1998 brachte es klar ans Licht: Eine bessere Folsäure-Versorgung könnte auch hierzulande einen wesentlichen Beitrag zur Verhinderung vieler Geburtsfehler wie Spina bifida leisten. Noch einen Schritt weiter ging 2002 ein Expertenbericht der Eidgenössischen Ernährungskommission (EEK): Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Medizin forderten darin, dass der Bund das Backmehl mit Folsäure und Vitamin B12 anreichern solle.

Bewährte Strategie

Die staatlich verordnete Anreicherung des Mehls mit dem Lebensvitamin B9 (Folsäure) ist nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Über 80 Länder weltweit praktizieren diese Mehlanreicherung bereits erfolgreich, darunter die USA, Kanada und Australien. Gemäss Angaben der Food Fortification Initiative (FFI) werden so jedes Jahr über 60’000 Geburtsfehler verhindert. Die Schweiz befindet sich, wie die meisten europäischen Länder, nicht auf dieser Liste.

Jod im Speisesalz

Dabei hat die Schweiz durchaus Erfahrungen mit der Nährstoffanreicherung von Lebensmitteln. Seit 1922 wird zur Prävention von Jodmangel das Speisesalz mit Jod angereichert. Was anfangs äusserst umstritten war, gilt heute als eine der erfolgreichsten Gesundheitsmassnahmen des 20. Jahrhunderts in der Schweiz. Der damals aufgrund der jodarmen Böden vor allem in den Bergregionen stark verbreitete Kropf und seine Begleiterscheinungen konnten dank der Jodsalzprophylaxe innert kurzer Zeit fast gänzlich eliminiert werden.

Entscheidendes Rechtsgutachten

Noch ist die Mehlanreicherung mit Folsäure keine vergleichbare Erfolgsgeschichte. Zwar blieben die eingangs erwähnten Berichte nicht ungehört, und längst ist zum Beispiel die Folsäure-Prophylaxe bei Frauen mit Kinderwunsch Standard in der Schweiz. Die staatlich verordnete Mehlanreicherung mit Folsäure erwies sich aber als zu ambitionierter Schritt. Ein im Auftrag des BAG erstelltes Rechtsgutachten zur Verfassungsmässigkeit einer obligaten Anreicherung von Getreidemehl mit Folsäure kam 2006 zum Schluss, dass «die Interessen der Krankheitsverhütung gegenüber den Interessen der betroffenen Personen nicht überwiegen». Zudem würde die obligate Anreicherung die gesamte Bevölkerung betreffen, obwohl mit den gebärfähigen Frauen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung vom Zusatz profitieren könnte.

Private Initiativen statt staatlicher Verordnung

Das Rechtsgutachten markierte das vorläufige Ende der Bemühungen um eine staatlich verordnete Mehlanreicherung. Umso wichtiger wurden private Initiativen wie die Stiftung Folsäure Schweiz, die es sich bereits ab dem Jahr 2000 zur Aufgabe machte, die «Folsäure-Lücke» in der Schweiz zu schliessen. Auch die Mehlanreicherung mit Folsäure ist in der Schweiz dank des Engagements von vielen KMUs längst Tatsache – wenn auch in einem viel kleineren Rahmen. Vier Mühlen führen mit Folsäure angereichertes Mehl im Sortiment, und diverse Bäckereien im ganzen Land produzieren daraus zumindest einen Teil ihres Backwaren-Sortiments. Faktor F hat zwei Pioniere in diesem Bereich zum Gespräch getroffen.

Die Lindmühle in Birmenstorf wurde 1836 gegründet und gehört heute zu den zehn grössten Mühlen der Schweiz. Das Unternehmen setzt sich für eine grosse Brotvielfalt ein und produziert über 300 Mehlsorten. Fiona Weber-Lehmann ist Mitglied der Geschäftsleitung. www.lindmuehle.ch

Fortsetzung folgt?

Ob eine flächendeckende, vom Staat verordnete Mehlanreicherung mit Folsäure in der Schweiz dereinst doch noch Tatsache wird, ist schwierig abzuschätzen. Vieles wird von den Ergebnissen künftiger Folsäure-Studien abhängen und der Frage, wie gross der positive Einfluss von Folsäure auch nebst der Prophylaxe rund um die Schwangerschaft ist – zum Beispiel bei Demenz, Depressionen, Allergien, aber auch auf die Spermienqualität und das Herz-Kreislauf-System.