Brauereibesuch in Appenzell – ein Quöll der Freude

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Endlich die Lieblingsbrauerei besuchen. In Appenzell. Was mich da wohl erwartet? Ein Erlebnisbericht zwischen Bierdegustation und Bilderbuchkulisse.

Ein Stück Appenzell findet sich in fast jedem Schweizer Haushalt: Sei es Appenzeller Käse oder Appenzeller Bier im Kühlschrank, Appenzeller Alpenbitter im Barfach, ein paar Appenzeller Biberli in der Snack-Box oder ein Appenzeller Gürtel im Schrank. Kaum eine andere Region der Schweiz versteht es so gut wie Appenzell, sich abseits vom klassischen Tourismus zu vermarkten. Appenzell steht für Qualität, Authentizität, Natur und ist sprichwörtlich in aller Munde – als Reiseziel jedoch längst nicht in allen Köpfen. Hand aufs Herz: Wann warst du zuletzt in Appenzell? Ich wusste es selbst nicht. Aber ich wusste, dass der Besuch meiner Lieblingsbrauerei schon lange auf meiner To-do-Liste steht. Deshalb hiess es für mich Mitte April: auf nach Appenzell!

Degustation mit Anlauf

Wenn ich schon nach Appenzell fahre, dann will ich auch etwas von der Gegend sehen. Also raus aus dem Zug, rein ins Zentrum und links weg auf den rund zweistündigen Spaziergang «Rondom Appezöll», den ich mir zur Akklimatisierung vorgenommen hatte. Doch zuerst musste ich meine Kinnlade richten, die vor lauter Staunen ziemlich tief hing. Ich hatte ja keine Ahnung, wie pittoresk Appenzell ist. Diese Häuser, diese Farben, wow! Will ich wirklich auf diese Rundtour? Schliesslich bin ich dann doch links abgebogen und folgte den weissen Wegweisern, die mich hyggelig-entspannt «Rondom Appezöll» führten. Zurück im Dorfkern war ich ein wenig durstig, also genau im richtigen Aggregatzustand für die Bier-Degustation um 17 Uhr. Im «Brauquöll» dann das nächste Wow. So stelle ich mir ein Besucherzentrum vor: unaufdringlich modern und einladend, mit viel Liebe zum Detail gestaltet, einer verchromten Bar, Backstein-Charme, Regalen aus Holz und Metall und einem Hauch von internationalem, aber fest in der Tradition verankertem Brauerei-Flair.

© Appenzell.ch

Grosses Bierkino

Die verbleibende Zeit bis zur Degustation nutzte ich für einen kurzen Kinobesuch. Im alten Hopfenkeller zeigt ein informativer Film mit stimmungsvollen Bildern den Prozess der Bierherstellung. Es ist schön zu sehen, wie Schweizer Bauern Gerste und Hopfen für die Biere der Brauerei Locher anbauen, und ich denke still bei mir, wie einfach regional und nachhaltig sein kann, wenn man es aus Überzeugung einfach macht.

Mehr zur konsequenten Kreislaufwirtschaft bei der Brauerei Locher und den zahlreichen Brauerei-Nebenprodukten erfährst du hier.

Ungewöhnlicher Start im «Gnoss-Stöbli»

Pünktlich um 17 Uhr begrüsst uns Soraya an der Bar zur Bier-Degustation. Wir sind nur zu dritt heute, was ich ein bisschen schade finde, aber mit Erika und Heinz aus Grosshöchstetten wird es trotzdem gesellig – und gemütlich, denn die Degustation findet nebenan im urchigen «Gnoss-Stöbli» statt.

Schon der Auftakt hat es in sich: In herrlichem Appenzeller-Dialekt kündigt Soraya den Apéritif an. Hat sie wirklich Essig gesagt? Tatsächlich. Serviert wird Mineralwasser mit einem Schuss hauseigenem CréaCeto Apfel-Birnen-Essig. Schmeckt erstaunlich gut und erinnert ein wenig an die alkoholfreie «Bschorle». Als Snack dazu gibt es Brewbee-Tschipps, die ich bereits kenne und allen ans Herz lege, die nahrhaft-knusprige Chips mögen.

Gutes Bier, gute Geschichten

Das erste Bier ist dann der Klassiker schlechthin, das helle Quöllfrisch mit Quellwasser aus dem Alpstein wie alle Biere der Brauerei Locher. Ah, immer wieder gut. Weiter geht es mit dem Vollmond-Bier, das bis heute nur bei Vollmond gebraut wird. Ob das tatsächlich einen Einfluss auf den Geschmack hat, wissen nicht mal die Braumeister. Inzwischen steht auch eine frisch gebackene Brewbee-Pizza auf dem Tisch, die ausserordentlich gut schmeckt. Wie schon bei den Tschipps habe ich das Gefühl, eine nahrhaft-gesunde Version einer herkömmlichen Pizza zu essen. Während ich zum zweiten Stück greife, ploppt schon das dritte Bier auf. Eine Bügelflasche. Ist es die Naturperle? Nein, die Hanfblüte! Aber darauf wäre man auch ohne hinzuschauen gekommen. Krass, dieser Hanfgeschmack. Muss man mögen. Ich finde mehr Gefallen an der Geschichte, die Soraya dazu erzählt. Die Initiative zu diesem Bier kam von den Hanfläden, die in den 1990er-Jahren in der Schweiz populär wurden und eine rechtliche Grauzone ausnutzten, indem sie Hanf in Form von Duftkissen, Badezusätzen und weiteren kreativen Darreichungsformen verkauften. Unerwartet in den Fokus geriet dann auch die Brauerei Locher, allerdings nicht wegen des Bieres, sondern wegen des Etiketts. Darauf raucht ein Appenzeller Bauer am Rande eines Hanffeldes sein Lindauerli, was beim Bundesamt für Gesundheit für rauchende Köpfe sorgte. Die Folge war ein Rückruf, aber auch ein sehr publikumswirksamer TV-Beitrag in der Sendung «10 vor 10» im Juli 1997. So wurde für die Brauerei Locher aus dem Ärgernis ein echter Glücksfall.

Ein «Hazy Climber» zum Dessert

Auf diese schöne Geschichte trinken wir noch eins, diesmal das vollmundige Gran Alpin, gebraut mit Bio-Braugerste aus den Bündner Bergen. Warum gerade dieses Bier? Nun, bei insgesamt über 45 verschiedenen Bieren könnte es auch ein anderes sein, denn an guten Bieren und guten Geschichten herrscht bei der Brauerei Locher definitiv kein Mangel. Entsprechend ändert sich die Bierauswahl von Degustation zu Degustation. Vielleicht wird beim nächsten Mal auch das alkoholfreie «Sonnwendlig» mit der Extra-Portion Folsäure verkostet. Das Gran Alpin kannte ich noch nicht, schmeckt mir aber vorzüglich. Womit wir schon beim letzten Bier angelangt wären. Quasi zum Dessert gibt es das IPA «Hazy Climber» aus dem 2023 lancierten Locher-Craft-Sortiment. Mit einem Alkoholgehalt von fünf Volumenprozent ist es weniger bitter als ein klassisches IPA und überrascht mit einer fast schon tropischen Fruchtigkeit. Ein würdiger Abschluss der Degustation.

Heiter heimwärts 

Es folgt der kurze Rundgang durch das Sudhaus, wo wir von einer erhöhten Plattform aus den Weg des Bieres von der Braupfanne bis zur Abfüllung verfolgen können. An der Bar gönne ich mir noch einen rauchigen Säntis Malt Whisky mit Cognac-Finish, gehe dann auf Shopping-Tour einmal quer durch das Besucherzentrum und mache mich dann mit zwei grossen Tragtaschen auf den Weg zurück zum Bahnhof. Nicht mehr ganz nüchtern, aber «Rondom happy».

Nachwirkungen

Eine Woche später: Ich sitze auf dem Balkon, die Frühlingssonne im Gesicht und vor mir auf dem Tisch ein Quöllfrisch, das ich anlächle wie einen – fast hätte ich «alten Freund» geschrieben, aber das ginge dann doch ein bisschen zu weit. Tatsache ist: Der Besuch im «Brauquöll» wirkt nach, und ich werde die Biere der Brauerei Locher künftig noch bewusster geniessen, mit vielen Bildern und Geschichten im Kopf. Proscht mitenand!


Erlebnisbericht: Urs Zwyssig

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