Jugendunruhen im Kopf
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Spätestens seit der Corona-Pandemie ist die psychische Gesundheit junger Menschen in der Schweiz ein viel diskutiertes Thema. Wie ernst ist die Lage, was treibt die Jugend an, und welche Lösungen gibt es? Eine Spurensuche.
Eigentlich müsste es der heutigen Jugend in der Schweiz besser gehen als jeder Generation vor ihr: Der Wohlstand ist so hoch wie nie, Gesundheitssystem und Bildungschancen sind exzellent und die Möglichkeiten zur Selbstentfaltung nahezu grenzenlos. Die Realität sieht anders aus: überfüllte Notfallstationen in Kinder- und Jugendpsychiatrien, monatelange Wartezeiten auf Therapieplätze, immer mehr Angststörungen und Depressionen und kein Ende in Sicht. «Was ist da los?», fragt man sich besorgt. Geht es den Jugendlichen wirklich so schlecht, oder werden psychische Probleme heute einfach offener angesprochen, früher erkannt und häufiger behandelt?
Die Glückskurve kippt
Dass junge Menschen Krisen erleben, ist nicht neu. Und doch gibt es grundlegende Unterschiede zu früher. So galt in der Glücksforschung über Jahrzehnte ein fast schon naturgesetzlicher Befund: die U-Kurve der Lebenszufriedenheit. Hunderte Studien zeigten dasselbe Bild: Die Zufriedenheit ist in jungen Erwachsenenjahren hoch, sinkt in der Lebensmitte und steigt im Alter wieder an.
Der Ökonom und Glücksforscher David Blanchflower wertete in den letzten Jahren grosse internationale Datensätze neu aus. Sein Befund: Die Kurve kippt. Junge Erwachsene starten heute nicht mehr mit besonders hoher Lebenszufriedenheit. Selbst in wohlhabenden Ländern wie der Schweiz liegen ihre Werte inzwischen am unteren Ende der Skala. Der Trend setzte bereits um 2012 ein, also viele Jahre vor der Corona-Pandemie. Wie lässt sich diese fundamentale Veränderung erklären?
Die U-Kurve der Lebenszufriedenheit kippt: Seit etwa 2012 starten junge Erwachsene weltweit mit deutlich niedrigeren Zufriedenheitswerten als frühere Generationen.
Die Smartphone-These
Eine der einflussreichsten Deutungen liefert der amerikanische Sozialpsychologe Jonathan Haidt in seinem Buch «Generation Angst» (Original: «The Anxious Generation»). Seine Kernthese: Seit den frühen 2010er-Jahren haben Smartphones und Social-Media-Plattformen zu einer «grossen Neuverdrahtung der Kindheit» geführt. Aus der spielbasierten Kindheit wurde die smartphonebasierte Kindheit. Statt durch freies, unbeaufsichtigtes Spielen Selbstwirksamkeit, Konfliktfähigkeit und Resilienz zu entwickeln, seien viele Kinder und Jugendliche heute permanenter digitaler Vergleichbarkeit und Ablenkung ausgesetzt. Haidt verbindet dies mit Folgen wie Schlafmangel, fragmentierter Aufmerksamkeit, erhöhter Stressbelastung und suchtähnlicher Nutzung. Mädchen seien im Durchschnitt stärker betroffen, da sie soziale Medien häufiger beziehungs- und bildorientiert nutzen. Seine Forderungen: kein internetfähiges Smartphone vor 14, Social Media erst ab 16, smartphonefreie Schulen sowie mehr freies Spielen und eigenständige Aktivitäten.
Haidts Diagnose ist wirkmächtig und plausibel, jedoch nicht unumstritten. Viele Forschende sehen ebenfalls eine Zunahme psychischer Belastungen, warnen aber vor einer monokausalen Erklärung. Neben digitaler Mediennutzung gelten auch Leistungsdruck, Krisenerfahrungen, familiäre Faktoren, Bewegung und soziale Einbindung als relevante Einflussgrössen. Entsprechend sehen Fachleute Smartphones meist als Verstärker, nicht aber als alleinige Ursache der Krise.
Zu viel des Guten?
Während es früher an vielem mangelte, scheint heute eher das Überangebot problematisch zu sein: zu viele Optionen, zu viele Reize, zu viele Erwartungen, zu viele parallele Anforderungen. Schule, Ausbildung und Freizeit sind eng getaktet und Kriege und Krisen über das Smartphone permanent präsent. Hinzu kommt der ständige Druck möglicher Blossstellung im Netz, was in der Summe bei vielen Jugendlichen einen erhöhten Grundstress erzeugt. Was vielerorts fehlt, sind unverplante Zeiten, echte Erholung und Momente ohne Zweck.
Die Suche nach Identität
Die Entwicklung einer eigenen Identität zählt zu den zentralen Aufgaben des Erwachsenwerdens und war schon immer anspruchsvoll. Erschwerend kommt heute hinzu, dass feste Leitbilder und verlässliche Orientierungspunkte an Bedeutung verloren haben. Lebenswege wirken offener, aber auch unverbindlicher. Die grosse Wahlfreiheit eröffnet Chancen, erhöht jedoch zugleich den Entscheidungsdruck und erschwert die Suche nach Halt und einem stabilen Selbstbild. Hinzu kommt eine wachsende Zukunftsangst: Immer mehr Jugendliche rechnen damit, später schlechter dazustehen als ihre Eltern. Angesichts erodierender Demokratien und der Klimakrise fehlt ein glaubwürdiges Zukunftsversprechen, das Mut macht und zuversichtlich stimmt.
All diese Faktoren belasten die psychische Gesundheit vieler Jugendlicher, was sich auch in aktuellen Zahlen zeigt.
So schlecht geht es den Jungen
Jeder zehnte Jugendliche ist gemäss der Pro-Juventute-Jugendstudie 2026 in professioneller Behandlung. In der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 sind die 15- bis 24-Jährigen die psychisch am stärksten belastete Altersgruppe. Auch die CSS-Gesundheitsstudie 2025 zeigt, dass die Jungen in fast allen Bereichen teils deutlich stärker belastet sind als die anderen Altersgruppen. Diese Entwicklungen manifestieren sich auch bei den Hospitalisierungen: So stieg die Zahl der stationären Spitalaufenthalte wegen psychischer Erkrankungen bei Mädchen und jungen Frauen im Alter von zehn bis 24 Jahren allein zwischen 2020 und 2021 um 26 Prozent. Selbst wenn man die Corona-Pandemie als beschleunigenden Faktor berücksichtigt, bleibt diese Zunahme besorgniserregend. Und es gibt viele weitere belastende Aspekte: 34 Prozent der jüngeren Generation fühlen sich mit dem aktuellen Körpergewicht unwohl, und fast die Hälfte klagt über zu wenig Schlaf. Auch bei den Themen Konzentrationsschwierigkeiten (47 Prozent), Motivationsprobleme für Aktivitäten (41 Prozent) und Stimmungsschwankungen (32 Prozent) gaben die jungen Befragten den jeweils höchsten Wert aller Altersgruppen an. Auf die Frage «Wie geht es Ihnen emotional bzw. psychisch?» antworteten 42 Prozent der befragten Jungen mit «durchzogen» oder «schlecht». Auch wenn es sich bei diesen Werten um Selbstauskünfte und nicht um klinische Diagnosen handelt, zeichnen diese Zahlen ein deutliches Bild.
Mensch und Umfeld
Bei aller Dramatik ist Differenzierung nötig. Die Mehrheit der Jugendlichen ist nicht psychisch krank. Viele kommen gut zurecht und sind zufrieden. Digitale Medien sind nicht per se schädlich, und die Schule macht nicht per se krank. Doch die Risikoverteilung hat sich verschoben. Bestimmte Gruppen – etwa junge Frauen aus bildungsfernen Familien – zeigen deutlich erhöhte Belastungswerte.
Fachleute sprechen deshalb nicht von einer «kranken Generation», sondern von einer sensiblen Entwicklungsphase in einem anspruchsvoller gewordenen Umfeld. Entscheidend sind Schutzfaktoren wie stabile Beziehungen, ausreichend Schlaf, echte soziale Einbindung und ein kompetenter Umgang mit Social Media.
Was jetzt zählt
Viele wirksame Gegenmittel sind bekannt und werden bereits erfolgreich umgesetzt: Schulen mit klaren Smartphone-Regeln berichten von besserer Konzentration und weniger Stress, Programme zur Schlafhygiene zeigen Wirkung, niederschwellige Beratungsangebote senken Krisenrisiken, und Jugendliche, die in einem Verein oder Projekt Verantwortung übernehmen, entwickeln nachweislich mehr Selbstwirksamkeit.
Was nicht weiterhilft, ist billiger «Snowflake»-Generationenspott. Wenn selbst die Glückskurve des Lebens ihren vertrauten Verlauf verliert, lohnt sich genaueres Hinsehen. Nicht, um die Jugendlichen zu pathologisieren, sondern um die Bedingungen zu verbessern, unter denen sie erwachsen werden. Dafür braucht es mehr als digitale Einschränkungen. Es bedarf einer Gesellschaft, die ihre Werte überdenkt, ihren Leistungsdruck hinterfragt und jungen Menschen echte Perspektiven bietet statt nur mehr vom Gleichen. Die Zahlen sind ein Warnsignal. Noch haben wir die Wahl, wie wir darauf reagieren.
«Zugenommen haben vor allem stressbedingte Störungen wie Angst und Depression.»
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Frau Prof. Dr. Susanne Walitza, Sie leiten die Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und sind mitverantwortlich für die Pro-Juventute-Jugendstudie. Welches waren für Sie die überraschendsten Ergebnisse?
Obwohl zu erwarten war, dass Schul- und Ausbildungsstress eine grosse Rolle spielt, hat mich die Ausprägung überrascht. Er scheint bei den Jugendlichen der Hauptstressor zu sein. Ebenfalls unerwartet war für mich, dass rund die Hälfte der Befragten angibt, sich selten oder nie durch soziale Medien gestresst zu fühlen. Gefreut hat mich, dass sich über 80 Prozent der Jugendlichen sehr gut von den Eltern und von Freunden verstanden fühlen.
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Es gibt inzwischen viele Studien zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Je nach Fokus kann man dabei ein alarmierendes Bild zur psychischen Gesundheit der Jugendlichen zeichnen oder die positiven Aspekte betonen mit dem Grundton «Alles halb so schlimm». Welches Bild ist Ihnen lieber?
Die Aussage «Alles halb so schlimm» ist mir zu pauschal. Uns war bei der Studie wichtig, nicht nur zu erfassen, wie es um die psychische Gesundheit steht, sondern auch zu verstehen, welche Faktoren die Jugendlichen stärken und welche Bewältigungsstrategien helfen. Es geht also darum, sowohl Risiken als auch Ressourcen sichtbar zu machen.
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Wie beurteilen Sie insgesamt die psychische Gesundheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz?
Insgesamt beurteile ich die psychische Gesundheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz als gut. Gleichzeitig ist es wichtig, Risikofaktoren und besonders vulnerable Gruppen im Blick zu behalten und Schutzfaktoren gezielt zu stärken.
«In den letzten zehn Jahren beobachten wir in der Klinik eine deutliche Zunahme an Patientinnen und Patienten.» Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza
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Was sehen Sie als Hauptursachen für den starken Anstieg psychiatrischer Diagnosen und Behandlungen?
In den letzten zehn Jahren beobachten wir in der Klinik eine deutliche Zunahme an Patientinnen und Patienten – also bereits vor der Pandemie. Besonders ab dem Jugendalter sehen wir deutlich mehr Mädchen als Jungen. Zugenommen haben vor allem stressbedingte Störungen wie Angst und Depression sowie problematische Internetnutzung. Klassische psychiatrische Erkrankungen wie Schizophrenie hingegen haben weniger stark zugenommen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind komplex und vielschichtig.
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
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Wo sehen Sie akuten Handlungsbedarf?
Ein zentraler Bereich ist die Förderung der digitalen Medienkompetenz. Die Forschung zeigt klar, dass es sich dabei um eine gemeinsame Aufgabe von Eltern, Schule, Politik und Plattformen handelt. Die Pro-Juventute-Studie 2026 macht zudem deutlich, dass viele Eltern unter Druck stehen: Sie sollen ihre Kinder schützen und ihnen gleichzeitig Freiräume lassen. Eine mögliche Überforderung wäre nachvollziehbar, nicht zuletzt, da sich digitale Medien sehr schnell entwickeln. Die Herausforderung liegt darin, eine gute Balance zu finden, insbesondere in Bezug auf Nutzungsdauer und Inhalte.
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Welche drei Tipps würden Sie Eltern von Teenagern geben?
1. Begleiten Sie Ihr Kind im digitalen Alltag aktiv, statt nur zu kontrollieren. Zeigen Sie Interesse, bleiben Sie im Gespräch und setzen Sie auf Beziehung, statt nur Regeln durchzusetzen. Die Qualität der Beziehung ist entscheidend.
2. Vereinbaren Sie klare und faire Regeln zur Mediennutzung, etwa zu Bildschirmzeiten oder handyfreien Zeiten. Wichtig ist, dass diese gemeinsam festgelegt und nachvollziehbar begründet werden.
3. Fördern Sie die Medienkompetenz Ihres Kindes und achten Sie auf Warnsignale. Kinder sollten lernen, Inhalte kritisch zu hinterfragen und soziale Medien zu verstehen. Gleichzeitig ist es wichtig, Veränderungen wie Schlafprobleme, sozialen Rückzug oder starke Stimmungsschwankungen früh zu erkennen und bei Bedarf Unterstützung zu holen.
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Welche drei Tipps würden Sie den Jugendlichen geben?
1. Achte auf dein eigenes Gefühl bei der Nutzung. Wenn du merkst, dass du die Kontrolle verlierst oder dein Verhalten als problematisch empfindest, nimm das ernst.
2. Sprich darüber, wenn es schwierig wird. Wende dich an deine Eltern oder andere Vertrauenspersonen, statt das Problem allein lösen zu wollen.
3. Erkenne Warnsignale frühzeitig. Wenn du dein Handy kaum noch weglegen kannst, es häufig Streit gibt oder sich dein Schlafrhythmus stark verschiebt, ist es wichtig, rechtzeitig etwas zu unternehmen.
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