Social Media 16+: Verbot oder verantwortungsbewusster Umgang?
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Smartphones, Chats und Reels – soziale Medien prägen den Alltag der heutigen Jugend. Doch immer mehr kritische Stimmen warnen vor psychischen Risiken und fordern Schutzmechanismen und klare Altersgrenzen. Wo steht die Schweiz im Umgang mit Social Media im Leben junger Menschen?
Das Smartphone vibriert unaufhörlich. Im Gruppenchat der Schüler:innen herrscht Dauerbetrieb. Es wird virtuell gelacht, diskutiert und manchmal auch gelästert. All das eben, was in der Jugend sowohl offline als auch online von Bedeutung ist. Doch mit dem Handy werden auch Videos von Fremden verschickt, Reels geteilt und Snaps kommentiert – meist direkt aus dem Kinderzimmer über viele Stunden hinweg. Plattformen wie WhatsApp, Instagram, TikTok oder Snapchat sind für Kinder und Jugendliche heute weit mehr als Unterhaltung. Sie sind zentrale Orte der Inspiration, der Information und der sozialen Zugehörigkeit. Kaum jemand kann sich dem entziehen.
Wie intensiv junge Menschen Social Media nutzen, belegen aktuelle Zahlen. Eine repräsentative Studie des deutschen Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung zeigt: 69 Prozent der 14- bis 20-Jährigen verbringen täglich rund zweieinhalb Stunden in sozialen Netzwerken. 27 Prozent kommen sogar auf mindestens fünf Stunden pro Tag. In der Schweiz liefert die JAMES-Studie der ZHAW, die alle zwei Jahre den Medienkonsum von 12- bis 19-Jährigen untersucht, vergleichbare Einblicke. Die Erhebung von 2024 zeigt: Jugendliche nutzen soziale Medien regelmässig vor allem zur Informationsbeschaffung, zur Unterhaltung und für den sozialen Austausch. Mädchen sind dabei aktiver als Jungen.
«22 Prozent der 15- bis 24-Jährigen zeigen eine mittlere bis starke psychische Belastung» Verein NextGen4Impact
Petition fordert gesetzliche Altersgrenze
Doch so selbstverständlich soziale Medien im Alltag junger Menschen geworden sind, so intensiv wird seit einiger Zeit auch über ihre Risiken diskutiert. Forderungen nach klareren Regeln und einer strengeren Altersbegrenzung werden lauter. Eine prominente Stimme in der Schweiz ist der Verein NextGen4Impact. Mit der Petition «Social Media 16+» setzt er sich für eine gesetzliche Altersgrenze ein.
«Jugendliche verbringen über 30 Stunden pro Woche an Bildschirmen. Gleichzeitig zeigen 22 Prozent der 15- bis 24-Jährigen eine mittlere bis starke psychische Belastung, 18 Prozent leiden sogar unter Angststörungen. Die internationale Studienlage zeigt deutlich, dass Zusammenhänge zwischen intensiver beziehungsweise problematischer Social-Media-Nutzung und der mentalen Gesundheit bestehen», sagt Friederike von Waldenfels, Tech-Unternehmerin, Mutter und Mitinitiantin der Petition. Im Fokus stehe dabei weniger die reine Bildschirmzeit als vielmehr die Architektur der Plattformen selbst mit ihren Algorithmen und ihrer Wirkung auf das sich entwickelnde Gehirn.
Suchtähnliche Nutzungsmuster
Denn das Gehirn von Kindern und Jugendlichen ist noch nicht vollständig ausgereift – insbesondere die Impulskontrolle und die Fähigkeit zur Selbstwertregulation entwickeln sich bis ins junge Erwachsenenalter. Soziale Medien liefern in dieser sensiblen Phase der Selbstfindung und Abgrenzung zum Elternhaus permanente, ungefilterte Reize. Beobachtet werden suchtähnliche Nutzungsmuster, ebenso wie das Erleben von Cybermobbing, ständige soziale Vergleiche und Inhalte, die Stressreaktionen auslösen können.
International reagieren erste Länder mit regulatorischen Schritten. Australien hat vor wenigen Wochen eine gesetzliche Altersgrenze von 16 Jahren für soziale Medien eingeführt und die Verantwortung für deren Umsetzung den Plattformen übertragen. Frankreich arbeitet aktuell an einer verbindlichen Altersverifikation und spricht sich für eine Nutzung ab 15 Jahren aus. Damit nimmt das Land eine Vorreiterrolle in Europa ein. Denn, obwohl das EU-Parlament bereits in der Vergangenheit mit deutlicher Mehrheit die Forderung nach einem EU-weiten Mindestalter ausgesprochen hat, ist nicht viel passiert.
Bundesrat kritisch
Und die Schweiz? «Hierzulande gibt es derzeit keine gesetzliche Altersgrenze für soziale Medien. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass rund 85 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Anhebung auf 16 Jahre und eine gesetzliche Verankerung befürworten würden», sagt von Waldenfels. Umsetzbar wäre eine solche Altersgrenze beispielsweise mit Massnahmen wie einem Altersnachweis, eIDbasierten Lösungen oder zertifizierten Drittanbietern, die eine Überprüfung sicherstellen. Zentral ist aber vor allem eine Regelung, die eine rechtliche Überprüfung und Sanktionen bei Verstössen ermöglicht. Der Bundesrat hat sich bisher kritisch zu einer Altersgrenze von 16 Jahren geäussert. Diese greife zu stark in den Verantwortungsbereich der Eltern ein. Ausserdem halte man den unvermittelten Einstieg in die sozialen Medien in einem Alter, in dem die Ablösung vom elterlichen Einfluss eine so zentrale Rolle spielt, für kritisch. Doch welche Alternativen gibt es?
«Was fehlt, sind verbindliche Vorgaben zur Risikominderung, zur altersgerechten Gestaltung von Plattformen sowie zur Prävention.» Stiftung Pro Juventute
Die Stiftung Pro Juventute für Kinder und Jugendliche in der Schweiz fordert eine stärkere Verantwortung der Plattformen: mehr Transparenz bei Algorithmen, wirksamer Schutz vor schädlichen Inhalten, Verbindlichkeit und eine Kooperationsbereitschaft mit Behörden. Zum vorgelegten Entwurf eines Bundesgesetzes schreibt die Stiftung Anfang Februar in einer Mitteilung: «Was fehlt, sind verbindliche Vorgaben zur Risikominderung, zur altersgerechten Gestaltung von Plattformen sowie zur Prävention. Kinder und Jugendliche benötigen klare gesetzliche Schutzstandards, die ihre Sicherheit online gewährleisten und sie vor schädlichen Inhalten schützen.» Neben einer griffigen Plattformregulierung brauche es altersgerechte Regeln zur Mediennutzung sowie eine Förderung der Medienkompetenz, so Pro Juventute. Ein pauschales Verbot vermittle eine Scheinsicherheit und verlagere Probleme ins Heimliche.
Für Erwachsene konzipiert
Dem entgegnet von Waldenfels: «Wie soll eine altersgerechte Gestaltung von Plattformen ohne Altersverifikation funktionieren, solange soziale Medien mit ihren Mechanismen primär für Erwachsene konzipiert sind und Geschäftsmodelle verfolgen, die auf maximale Aufmerksamkeit abzielen? Bis sich dies ändert, ist eine Altersgrenze ab 16 aus unserer Sicht notwendig.» Und auch für jene Kritiker:innen einer starren Altersgrenze, die befürchten, Jugendliche würden Wege finden, Sperren zu umgehen, hat von Waldenfels eine Antwort parat: «Jugendschutz zielt nicht auf 100 Prozent Perfektion ab. Wenn wir 90 bis 95 Prozent der unter 16-Jährigen schützen, ist das ein grosser Erfolg.»
Neben Plattformen und Gesetzgebern sind auch das Engagement und die Unterstützung aus dem schulischen und privaten Umfeld zentral. Konsequente Richtlinien von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen, Trainings zur Mediennutzung sowie die Begleitung durch die Eltern sind unerlässlich, um junge Menschen zu schützen. Das Thema muss im Alltag Platz finden, besprochen und reflektiert werden, um Jugendlichen einen notwendigen Rahmen zur Einordnung zu bieten. Hier braucht es allerdings auch gezielte Unterstützung für die Eltern – eine Generation, die selbst nicht mit sozialen Medien aufgewachsen ist, Gefahren nicht immer als solche erkennt oder sich bisweilen überfordert fühlt.
Soziale Medien werden nicht verschwinden. Sie werden sich weiterentwickeln und weiterhin eine starke Anziehungskraft auf junge Menschen ausüben. Die Frage ist also, wie es gelingt, eine Balance zwischen zuverlässigem Schutz und jugendlicher Selbstbestimmung zu schaffen.
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