Wohnungsnot: Kündigung, und dann?

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Nach fünfunddreissig Jahren verlieren Andrea Atuma und ihre Tochter Roxane ihre Wohnung in Zürich-Wiedikon: Das Haus an der Manessestrasse wird abgerissen, danach dürften die Mieten steigen. Ihr Schicksal steht exemplarisch für Leerkündigungen – und für die wachsende Knappheit an bezahlbarem Wohnraum in Schweizer Städten, in denen die Wohnungsnot längst zu den grössten Sorgen der Bevölkerung zählt.

Die alte Balkontüre scheppert laut, wenn die S10 Richtung Uetliberg vorbeifährt. Weitsicht auf Autobahn, Zuggleise. Seit Kurzem ragen lange Metallstangen in die Höhe. Andrea Atuma kommt durch die Tür. Sie trägt einen grossen indigofarbenen Pullover, eine weite Jeans – nicht der Look, den man einer Versicherungsangestellten geben würde. Die echzigjährige arbeitet als Telefonistin. Jetzt ist Feierabend, sie hat müde Augen.
Im Wohnzimmer riecht es nach Rauch, Comics stapeln sich, Totenköpfe und Tierprints prägen die Einrichtung. «Ist da noch Kaffee drin?», fragt Atuma und nimmt einen Schluck aus dem Glas, das schon lange auf dem Leopardentisch steht. Fünfunddreissig Jahre ist es her, als sie die Manessestrasse 101 bezogen hat. «Ich will hierbleiben», sagt Atuma mit rauchiger Stimme. Mit hier meint sie das Quartier Wiedikon.

Bis Ende März 2027 muss sie gemeinsam mit ihrer Tochter, Roxane Atuma, und allen elf Partien nun raus. Wegen technischen Alters und ökologischer Schwächen werde das Haus an der Manessestrasse 101 abgerissen, so steht es im Kündigungsschreiben.

In der Schweiz sind jährlich rund 30'000 Menschen von solchen Leerkündigungen betroffen, wie eine Studie der ZKB zeigt. Häuser werden renoviert oder neu gebaut und dann teurer vermietet. Gentrifizierung nach Lehrbuch: Wer weniger verdient, zieht weg. Wer wohlhabend ist, zieht ein. Die bisherigen Bewohner:innen müssen eine neue Wohnung finden. Und hier wird es schwierig.

Ablaufdatum

Das Wiedikon mit seinem Multikulti-Flair habe ihr, die im Engadin aufgewachsen ist, sofort gefallen. Für ihre Dreizimmerwohnung zahlt Atuma heute 1250 Franken Miete. Dass sie wieder eine Wohnung zu diesem Preis findet, ist illusorisch. Wenn sie auf Plattformen wie Flatfox nach einer neuen Bleibe sucht, ist sie schockiert: kaum Angebote, jedenfalls nicht in ihrem Budget. «Entweder sind die Wohnungen befristet oder zum Tausch», sagt sie.

In Zürich betrug die Leerwohnungsziffer im Jahr 2025 0.1 Prozent, wie Zahlen der Stadt Zürich zeigen. Die wenigen Wohnungen, die noch frei sind, sind kaum bezahlbar.

Roxane Atuma (29) setzt sich aufs Sofa. Zwei Piercings auf der Wange, Tattoos, athletische Arme, wacher Blick. Neben ihr starrt ein Tigerprint vom Kissen. Sie lacht: «Meine Mutter ist eine Sammlerin.» An den Wänden hängen Kinderzeichnungen – mehr als dreissig Jahre
Leben.

Roxane ist hier aufgewachsen. «Ich bin im Triemlispital geboren, um die Ecke zur Schule gegangen, in Attinghausen in der Pfadi gewesen. Wieso sollte ich nicht hierbleiben dürfen?», sagt sie. Sie sucht eine eigene Wohnung, sorgt sich aber um ihre Mutter. «Sie war alleinerziehend, konnte nicht viel für die Altersvorsorge zurücklegen. Und ich kann sie nicht finanziell unterstützen.»

«Als ich vor 35 Jahren nach Zürich kam, wurden einem die Wohnungen regelrecht hinterhergeschmissen.» Andrea Atuma

Einen Moment lang ist nur das Rauschen der Autos zu hören. Am Boden steht ein Katzenbaum. Fe und Xaver, die beiden Katzen, wohnen ebenfalls hier. «Das sind meine Babys», sagt Andrea Atuma. «Natürlich will ich sie mitnehmen.» Roxane ärgert sich über die heutige Wohnungslage. «Meine Mutter konnte sich damals noch aussuchen, wo sie wohnen wollte.» Andrea Atuma nickt. «Als ich vor fünfunddreissig Jahren nach Zürich kam, wurden einem die Wohnungen regelrecht hinterher geschmissen.»

90-er Nostalgie

Tatsächlich erlebte die Stadt Zürich 1997 mit einem Bevölkerungsstand von 336'800 Menschen einen Tiefstand, wie Zahlen des BVS belegen. Zwischen Wohnungen aussuchen können – von dieser Freiheit kann man nur noch träumen. Heute gilt: Nimm, was du kriegst.

Dass die Städte heute schlicht mehr Menschen beherbergen als vor dreissig Jahren, greift als Erklärung für die aktuelle Wohnungsnot zu kurz. In den 1960ern gab es in Zürich schliesslich mehr Menschen als heute, und trotzdem war die Wohnungsnot weniger dramatisch, wie Zahlen des BVS zeigen. Das Problem ist also vielschichtiger. Ein Grund ist dem wachsenden Wohlstand geschuldet: Menschen wohnen in grösseren Wohnungen als früher. Pro Person mehr Quadratmeter. Und dazu werden heutzutage grössere Wohnungen gebaut. Für die Städte bleibt das nicht ohne Folgen.

«Finanz­schwache Haushalte trifft es am härtesten. Bei ihnen erreicht der Anteil der Mietkosten am Gesamt­ein­kommen oft ein proble­ma­tisches Niveau.» Ivo Willimann, Betriebs- und Regionalökonom an der HSLU

Ivo Willimann, Betriebs- und Regionalökonom an der HSLU, warnt vor den drohenden Gefahren dieser Entwicklung. «Finanzschwache Haushalte trifft es am härtesten. Bei ihnen erreicht der Anteil der Mietkosten am Gesamteinkommen oft ein problematisches Niveau», sagt Willimann, der für das Magazin Die Volkswirtschaft über Wohnungsthemen schreibt. Besonders gefährdet seien Rentner:innen, Menschen mit Migrationshintergrund und Familien. «Je grösser der Haushalt, desto aussichtsloser wird die Suche nach bezahlbarem Wohnraum», so der Ökonom weiter. Er warnt eindringlich vor einer «sozioökonomischen Entmischung». Also einer Verdrängung von finanzschwächeren Menschen aus Städten. Auch für junge Menschen und Studierende ist es schwierig, in der Stadt eine Wohnung zu finden, weshalb immer mehr verstreut wohnen, wie der Unidirektor der UZH dem Tagesanzeiger erklärt.

Das Netz der Nachbarschaft

Andrea Atuma schiebt ihren Ärmel hoch, ein Yin-Yang-Tattoo blitzt auf dem Handgelenk hervor. Bis 2000 Franken könne sie für eine neue Miete entbehren. Andere in ihrem Haus: Das Ehepaar mit IV-Rente, die Putzfrau, die Köchin dürften sogar noch ein niedrigeres Budget haben, schätzt Atuma. «Ein Nachbar ist Pöstler. Er war es, der uns allen die Kündigungsbriefe zustellte. Ist das nicht ironisch?», sagt Atuma.

Laut einer Analyse der ZKB finden zwei Drittel der Betroffenen tatsächlich wieder etwas in der gleichen Gemeinde. Oftmals hilft ein Nachbar, eine Freundin oder eine Bekannte, die jemanden kennt, der jemanden kennt, der etwas weiss. Doch was passiert mit denen ohne Vitamin B?

The more, the merrier

Warmes Licht durchflutet die kleine Wohnung in Adliswil. Pflanzen säumen Ecken, ausgewählte Möbel in dezenten Naturtönen prägen die Einrichtung. «Ich mag Interior Design», sagt Shahnaz Haidary, selbst in warmen Brauntönen gekleidet, nur die goldenen Ohrringe stechen hervor. Die Neunundzwanzigjährige kam im Oktober 2025 aus Afghanistan in die Schweiz. Kein Netzwerk, kein Deutsch. Als sie im Zürcher Asylzentrum ankam, war ihr Ziel: «So schnell wie möglich raus und eine Wohnung finden.» Dafür setzte sie auf pure Mathematik: Je mehr, desto mehr. «Ich wusste, dass es mit meinem Status schwer wird. Deshalb habe ich mir jeden Tag zwei bis drei Wohnungen angeschaut.» Sie sei ein Workaholic, sagt sie und lacht verlegen. Nach rund fünfzig Besichtigungen in einem Monat hatte sie Erfolg: Seit Januar wohnt sie in einer kleinen Einzimmerwohnung in der Nähe des Zürichsees. Die 1400 Franken Miete zahlt die Sozialhilfe.

Haidary, die Business Administration und Soziologie in Afghanistan studiert hat, weiss, dass sie ein Glücksfall ist: «Ich verstehe das System und weiss, welche Papiere man braucht.» Viele andere Flüchtlinge scheitern an sprachlichen oder bürokratischen Hürden. «Ich kenne Familien in Asylzentren, die seit mehr als einem Jahr warten, weil sie einfach keine Wohnung finden», sagt Haidary.

Das Bundesamt für Wohnungswesen BWO zeigt, dass gerade Asylsuchende, anerkannte Flüchtlinge und Menschen mit Migrationsgeschichte überproportional aus Städten verdrängt werden.

«Ich wusste, dass es mit meinem Status schwer wird. Deshalb habe ich mir jeden Tag zwei bis drei Wohnungen angeschaut.» Shahnaz Haidary

Was bleibt?

Einfache Lösungen für die angespannte Wohnungssituation gibt es nicht. Experten wie Ivo Willimann fordern mehr gemeinnützigen Wohnungsbau. Der Zürcher Stadtrat hat Pläne für fairere Zugänge entworfen.

Ob ein Umzug aufs Land eine Option wäre? Die beiden lachen. «Vorher würde ich Airbnbs mieten», sagt Roxane Atuma. Andrea Atuma kneift die Augen zusammen. Ihr Herz hängt am Quartier. «Wenn ich zur Apotheke um die Ecke gehe, wissen sie genau, welches Medikament ich brauche. Man kennt mich hier», sagt Andrea Atuma. Sie habe versucht, sich gegen die Kündigung zu wehren, sagt sie. Doch viele Nachbarn seien zurückhaltend gewesen. Sie stand allein da.

Andrea Atuma blickt nach draussen, es dämmert. Die Bauvisiere im Hinterhof stehen bereits. Die Wohnung an der Manessestrasse 101 hat Andrea Atuma durch viele Lebensphasen begleitet. Als Pensionierte wird sie sie wohl nicht mehr erleben

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